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Pressemitteilung
September 2008

Wandervogel in Sachen Keramik

[September 2008] Hermann Jung ist mal wieder auf dem Sprung. Gestern Kanada, morgen Russland. "Dass ich gerade hier bin, ist reiner Zufall", sagt der Ingenieur für Werkstofftechnik. In seiner Wohnung im Stuttgarter Westen weilt er nur im Urlaub. Sein Arbeitsplatz ist die ganze Welt.

In den vergangenen 34 Jahren hat Hermann Jung weltweit seine Spuren hinterlassen. Manchmal entdeckt er sie wieder. So wie einst im australischen Woolgroove. Dort kaufte er in einem kleinen Supermarkt ein, als er erfreut feststellte: "Das Gebäude wurde mit Steinen gebaut, die unser Werk in Perth hergestellt hatte." Auf solche Entdeckungen kann der 60-Jährige fast überall stoßen. Für seinen Arbeitgeber, eine Baukeramikfirma aus Nordrhein-Westfalen, hat er mit seinem Team schon auf jedem Kontinent Maschinen, Anlagen und ganze Fabriken aufgebaut. Sie produzieren Backsteine, Bodenplatten oder auch Dachziegel. Geht eine Anlage in betrieb, zieht Hermann Jung weiter. Eigentlich war ein solches Nomadenleben für ihn nicht vorgesehen.

Statt dessen sollte er nach dem Studium in Landshut den elterlichen Kleinbetrieb in Lauffen am Neckar übernehmen. Doch die Herstellung von Hintermauersteinchen rentierte sich nicht mehr. 1972, ein Jahr vor dem Abschluss des Juniors, gab der Vater den Betrieb auf. Besonders traurig war der Sohnemann darüber nicht. Im Gegenteil: "Ich war fast dankbar", sagt Hermann Jung und erinnert sich mit einem Grinsen: "ich hatte immer schon den Wunsch, ins Ausland zu gehen." Das Schicksal meinte es gut mit ihm. 1974 fing er in seiner Firma an. Zunächst arbeitete er noch in den europäischen Nachbarländern. Nach zwei Jahren ging es richtig los, nach Russland, Iran, Algerien.

Und was trieb ihn in die große, weite Welt? "Ich wollte etwas Außergewöhnliches machen, etwas, das nicht jeder macht." Der Ingenieur schmunzelt: "So naiv, wie es klingt." Viel erlebt hat er seit damals zweifellos, und darüber gibt es viele außergewöhnliche Geschichten zu erzählen.

Mit einem argentinischen Betriebsleiter habe er einst in einem Motorboot auf dem Rio Paraná gesessen. Plötzlich fiel der Motor aus. "Ringsherum haben uns Augenpaare angeschaut." Nach über einer Stunde tüfteln und probieren sprang die Maschine wieder an. Die beiden entkamen den Flusskrokodilen.

Auch die islamische Revolution im Iran erlebte Jung 1979 hautnah mit. Die Ausländer hätten sich in Teheran jeden Donnerstagabend im Palma Hotel getroffen, "um sich an der Bar die neuesten Märchen zu erzählen", erinnert sich der Ingenieur. Militärkonvois sah man damals immer öfter, und auch an das Krachen von Schüssen hatten sich er und seine Kollegen gewöhnt. Erst als sie vor dem abgebrannten Palma Hotel standen, "wurde uns langsam klar, es wird ernst." Es dauerte noch zehn Tage, ehe er einen Flug in die Heimat bekam.

Schüsse, Islamisten, Krokodile, das klingt nach Abenteuer. Ist es das, was der Weltenbummler sucht? Sein Schnauzbart wirkt jedenfalls verwegen. Hermann Jung lacht. "Ich würde mich als Abenteuer-Kleinstdarsteller bezeichnen." Es gefällt ihm, solche Geschichten zu erzählen, aber er mag es auch, abends warm zu duschen. Er sei nicht der Typ, "der mit der Machete in den Dschungel rennt." Da entdeckt er lieber einen Blues-Club in Toronto.

Was Hermann Jung bei seinem Job am meisten genießt, ist die Freiheit. "Ich arbeite unabhängig, meine Firma vertraut mir." Er sei nicht so strikt an Verhaltensregeln gebunden, "wie wenn ich hier beim Daimler als Abteilungsleiter arbeiten würde". Von neun bis fünf im Büro, dann ausstempeln, für Jung eine abschreckende Vorstellung.

Doch der aufregende Beruf hat auch seine Nachteile. Soziale Kontakte zu halten ist schwierig. Das Nomadenleben zerstörte seine erste Ehe. Doch in seiner zweiten Frau, mit der er seit 26 Jahren verheiratet ist, hat er die richtige Partnerin gefunden. Sie ist bildende Künstlerin, und als solche wenigen Zwängen unterworfen. "Meine Frau kann oft mitkommen, das war in der vorherigen Ehe nicht möglich." Und was ist mit Kindern? Heute denkt er schon manchmal, Kinder wären schön gewesen. Aber in der Zeit, als es möglich war, habe er es nicht vermisst. Wer die Welt sehen will, muss einen Preis dafür bezahlen.

Am besten hat es Hermann Jung in Kanada gefallen. "Dort gibt es eine gute Mischung aus Stadt und Natur, gerade in Toronto." Dass er sich dort eines Tages niederlässt, kommt aber nicht infrage. Er bleibt seinem Stuttgart treu. Dem Ingenieur geht es wie vielen anderen Ausgereisten. So richtig schätzen lernte er Stuttgart erst, als er eine Weile woanders wohnte. Heute ist der Weltenbummler ein überzeugter Lokalpatriot. "Stuttgart hat genau die richtige Größe, es ist übersichtlich, hat erstklassige kulturelle Einrichtungen und einen erstklassigen Fussballverein." Und Leute, die es hier langweilt, "finden es nach einem halben Jahr auch im New Yorker Künstlerviertel Tribeca langweilig."

Noch denkt Hermann Jung nicht ans Aufhören. Noch bleibt Stuttgart nur seine "Auftankstation", wo er ein paar Tage lang seinen Akku auflädt, alte Freunde trifft, ins Kino geht oder ins Bad Berg. Bald heißt es wieder Koffer packen. Es geht nach Pawlowsky-Posad, 100 Kilometer nördlich von Moskau. Mit dabei, wie immer, der Spätzlehobel. Zwei bis drei Jahre soll das noch so weitergehen. Dann will er erst mal keine Flughäfen mehr von innen sehen. Er habe schon angekündigt, im Ruhestand nur noch mit dem Zug zu fahren. "Meine Frau hat ein langes Gesicht gemacht." Doch sie braucht sich keine Sorgen zu machen. Hermann Jung glaubt selbst nicht daran. Er weiß, irgendwann will ein Wandervogel wieder fliegen.

Marko Belser

(Quelle: Stuttgarter Nachrichten)

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Bild 1:
Hermann Jung unterwegs vor dem Musée Fabre in Montpellier

(Foto: Stuttgarter Nachrichten)

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